Zeit der Stimuli ist vorbei

Das Europa Forum in Luzern werde ich nicht so schnell vergessen. Beeindruckend war vor allem eine Person: William White (hier ein Interview zu Staatsinsolvenzen mit der NZZ), Vorsitzender  des OECD Economic and Development Review Commitee, ging als erster Redner an diesem Tag auf den eigentlichen Titel der Veranstaltung ein: Wege aus der Schuldenkrise.

William White, Vorsitzender des OECD Economic and Development Review Commitee Quelle: Europa Forum Luzern

Um diese Frage beantworten zu können, so der ehemalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, müsse man zuerst wissen, wie es überhaupt zu diesem Schlammassel (Zit. White) gekommen ist. Er unterschied dabei zwischen zwei Ebenen: Auf einer globalen Ebene befand sich zu viel Geld im Umlauf und so entstand dort wo der Optimismus am grössten war eine Blase. Nicht nur in den USA gab es eine Blase. Während sie dort schon geplatzt ist, stehen noch andere Verwerfungen noch aus. Diese sind aber für das weltweite Finanzsystem nicht so stark von Bedeutung.

Auf einer anderen, konkreten Ebene gab es innovative Menschen, die Finanzderivate entwickelten, die sie selber nicht verstanden. Kombiniert mit dem vielen Geld entwickelten sich Ungleichgewichte: Es wurde zu viel ins Banking und in Immobilien investiert. Ausserdem müsse man davon ausgehen, dass in Südostasien immer noch viele Menschen Sachen kaufen, die sie sich eigentlich nicht leisten könnten.

Im nächsten Teil seiner Analyse machte White den Zuhörenden klar, dass die Zeit der fiskalischen und monetären Stimuli für das Wirtschaftswachstum endgültig vorbei sei. Ausserdem bezeichnete er den Versuch die Wirtschaft zu unterstützen, indem die Steuern gesenkt werden oder durch die Ausweitung der Geldmenge als sehr kurzfristige Strategie der Politik.

Wie nun aber aus dem Schlamassel herauskommen? So wie viel Experten, ist auch White der Meinung, der Weg aus den Schulden heisse Wirtschaftswachstum. Das Wachstumspotenzial aber liege, so White, eindeutig in den Entwicklungsländern. Statt zu versuchen in den entwickelten Staaten zu wachsen, müsse stattdessen das Wachstum in den Entwicklungsländern gefördert werden. Kooperationen würden dann dafür sorgen, dass die ersteren Länder auch etwas davon hätten.

Ganz zum Schluss seines Vortrages präsentierte White seinen Massnahmenplan für die nähere und weitere Zukunft: Ringfencing der systemischen Player, Vermeidung von Trigger-Events bevor das Ringfencing an Glaubwürdigkeit gewonnen hat. Auf einer längeren Zeitachse gilt es stärkere europäische Institutionen zu etablieren und strukturelle Reformen durchzuführen.

Leider ist schon einige Zeit seit der Veranstaltung vergangen, aber ich habe mir vorgenommen in den nächsten Tagen mich nochmals hinzusetzen und darüber nachzudenken, was ich da den ganzen Tag eigentlich gehört habe. Was bleibt den Zuhörern am Schluss? Abgesehen davon kann ich die “Mediathek” empfehlen. Da gibt es zum Beispiel die Beiträge von Bert Rürup, Martin Alioth und Werner van Gent als Audio-Stream oder einige Webcasts.

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Schuldenabbau für stabile Währungen

Gleich zwei Vertreter von Zentralbanken kamen heute Vormittag am 21. Europa Forum Luzern zu Wort. Während Jürgen Stark, Mitglied der Direktion der EZB, über die Entwicklungen in Europäischen Union sprach, schilderte der Vizepräsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, welchen Einfluss die Unabhängigkeit der Zentralbank auf die Preisstabilität hat.

Jürgen Stark räumte gleich von Beginn weg mit der Angst auf, der Euro sei durch die aktuelle Schuldenkrise in seiner Stabilität oder seiner Existenz bedroht. Es gäbe keine Anzeichen, dass die Märkte das Vertrauen in den Euro verlieren würden oder Inflation drohe. Auch wenn der starke Schweizer Franken im Moment den Eindruck erwecke, der Euro sei in Schieflage, kann diese Einschätzung (bei einer handelsbereinigten Betrachtung) nicht unterstützt werden.

Jürgen Stark am Europa Forum Luzern

Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums der EZB, am Europa Forum Luzern 2011

Wer zahlt die Zeche?

Trotzdem bleibt die Frage offen, wie mit jetziger Situation mit der Krise umgegangen werden muss: Die Banken wurden gerettet – wer rettet nun die Staaten? Auch wenn alle entwickelten Staaten dem Schuldenproblem ins Auge blicken müssen, so Stark, ist der Euro-Raum im Brennpunkt der aktuellen Geschehnisse. Auf die Frage wieso gerade der Euro-Raum unter Druck geraten ist, ging der Referent leider nicht ein.

Trotz der Komplexität der Situation ist die Lösung gemäss Stark relativ einfach: Haushaltkonsolidierung und Durchführung von überfälligen Strukturreformen. Wer aber die bis jetzt angehäuften Schulden bezahlen muss, auch wenn es teilweise um virtuelle Geldmengen geht, blieb offen.

Unabhängigkeit der Zentralbanken

Beide Referenten unterstrichen in ihren Vortragen wie wichtig es ist, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken gewahrt bleibt. Ihre Ausführungen liessen zwischen den Zeilen durchblicken wie gross der politische Druck in den letzten Jahren gewesen sein muss und noch ist, die fiskalischen Probleme und Versäumnisse mit monetären Lösungen zu bekämpfen.

Zwangsverwaltung für Staaten

Nicht zuletzt ging Stark auf die Mängel in der Kontrolle der europäischen Haushalte ein. Die bisher schon vorhandenen Kontrollmechanismen haben nicht funktioniert. Aus innenpolitischen Gründen wurden die Maastricht-Kriterien ab 2003 sehr stark verwässert, da dies die Regeln zuliessen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten Jahre habe die EU, so Stark, hier zwar nachgebessert, aber die neuen Regelungen kommen über eine „verbesserte Koordination“ nicht hinaus. Der EZB-Vertreter ist der Meinung der politische Spielraum sollte sogar so weit verkleinert werden, sodass Staaten, die ihre Haushalte nicht in den Griff bekommen, unter Zwangsverwaltung gestellt würden.

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Quo vadis? Feuerwehraktionen wegen der Schuldenkrise sind einfach nicht genug

Während es kein anderes Thema gibt, als die finanzielle Situation einzelner Staaten und die Reaktion „der Märkte“ auf einzelne Statements von Politikern, geht die grundsätzliche Debatte verloren. Was für eine Wirtschaft wollen wir überhaupt?

In Deutschland nennt man es eine Nebelkerze und in der Schweiz sagt man Nebelpetarde zu den Vorgängen, die momentan die Wirtschaftsberichterstattung belegen. Momentan blickt alles nach Griechenland, das alle zwei Tage gerettet oder dem Untergang geweiht ist. Im gleichen Rhythmus trifft sich die deutsche Bundeskanzlerin mit dem französischen Präsidenten zu Beratungen, um „den Märkten“ und den Ratingagenturen zu zeigen, dass sie alles für die Rettung von Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und anderen Staaten tun. Blöd nur, dass sowohl “die Märkte”, als auch die Ratingagenturen im Moment ein wenig “bitchy” sind…

 

 

Peter Ustinov im Hollywood-Klassiker Quo Vadis

Peter Ustinov im Hollywood-Klassiker Quo Vadis

Zuerst das Feuer löschen

Die Durchschnittsbürger und selbst einige Experten blicken nicht mehr wirklich durch. (interessant dazu auch K. Wellershoff zum Tagi) So fällt es leichter sich mit der Feuerwehrübung, die Rettung von Griechenland, zu beschäftigen. Dieses Land wurde zum ersten Dominostein erkoren, der vor dem Fall bewahrt werden muss. Ob dabei die Solidarität gegenüber dem griechischen Volk (Der Exporteur und der Importeur sitzen im gleichen Boot.), die Angst vor dem Fall des Euro bzw. der EU oder die Rettung der eigenen Banken die Triebfeder hinter diesem Aktivismus ist, bleibt offen. Wahrscheinlich eher letzteres, denn die Erkenntnis „Wo ein Profiteur ist, ist  auch ein Verlierer“ scheint sich nicht durchgesetzt zu haben.

Fragen über Fragen

Vielleicht liegt es am momentan Vorherrschenden Dogma des unersetzlichen und unendlichen Wachstums, dass viele Menschen glauben, wenn nur alle Staaten auf wettbewerbsfähig getrimmt werden, dann kommt es schon gut. Wenn man diese ideologische Vorstellung erst einmal hinter sich gelassen hat, steht man noch vor viel mehr Fragen, als vorher. Es ist zwar eine unangenehme Vorstellung noch weniger Ahnung zu haben als vorher, doch irgendwann kommt dieser Planet nicht daran vorbei sich die grundsätzliche Frage zu stellen, welches Wirtschaftssystem wollen wir. Hier geht es nicht um Sozialismus, soziale Marktwirtschaft oder Kapitalismus. Diese Konzepte haben sich selbst erledigt, auch wenn das einige nicht wahr haben wollen.

Visionen? Fehlanzeige

Leider muss man den aktiven Politikern und Mächtigen der Wirtschaft vorwerfen, dass sie entweder keine alternativen Vorstellungen haben, sie nicht kommunizieren können oder kein Interesse daran haben etwas zu ändern. Andere Gründe fallen mir sonst nicht ein, wieso unser System weiterhin mit voll aufgedrehtem Radio Richtung Wand fährt. (Dazu auch S. Wehowsky auf Journal 21) So wie Occupy Wallstreet ein Zeichen für das Erwachen sein könnte, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass auch von den aktuellen Amtsträgern noch etwas zu erwarten ist? (Bin ich ein unverbesserlicher Optimist)?

Europa Forum Luzern

Aus diesem Grund bin ich schon auf den Dienstag nächster Woche gespannt. Ich werde das Europa Forum Luzern besuchen, das dieses Mal auf die Wege aus der Schuldenkrise eingeht. Vor allem am zweiten Tag werden zahlreiche Redner dieses Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.

Dazu gehören zum Beispiel: Harold James, Professor of History and International Affairs, Princeton University, Thomas J. Jordan, Vizepräsident des Direktoriums, Schweizerische Nationalbank, Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums, Europäische ZentralbankIch oder Klaus P. Regling CEO, European Financial Stability Facility (EFSF) und William White, Chair of the OECD Economic and Development Review Committee; ehem. Chefökonom, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ.

Ich frage mich was am Ende dieser Veranstaltung bei den Zuhörern übrig bleibt?

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“Revolutions will be twittered” – auch in London?

Noch bevor sich der Rauch der brennenden Einkaufsläden und Häuser verzogen hat, sind die Schuldigen gefunden und die Lage durchschaut. “Bestraft sie hart und nehmt ihnen die Handies weg”, lässt sich in einem Satz die Reaktion der Regierenden zusammenfassen. Ist es damit schon getan?

Es ist erst einige Tage her, dass auf den Strassen von London Unruhen und Plünderungen stattfanden. Zum Glück beschränkte sich der Aktionsradius der Randalierer und Kriminellen, so der oftmals verwendete Terminus, nur auf wenige Quartiere. Zwar waren auch andere Städte davon betroffen, doch nicht im gleichen Ausmass wie die Hauptstadt.

Unruhen in Tottenham, Stadtteil von London

Die Unruhen in London führten auch zu Brandstiftung. (Bild: International Business Times)

Zurück zum courant normal – mit allen Mitteln

Nun kehrt langsam der Alltag zurück. Die Polizei hat mit den angeblich 16 000 aufgebotenen Männern die Lage wieder unter Kontrolle gebracht. Mit Law and Order konnte Premier David Cameron die Situation wieder unter den gleichen Deckel drücken, unter dem die Probleme dieser Jugendlichen schon länger zugedeckt sind. Es liegt mir fern diese Taten mit äusseren Umständen zu verteidigen, doch wenn Perspektivlosigkeit in Ägypten oder im Gazastreifen eine Radikalisierung erklärt (nicht entschuldigt), dann muss man sich auch in diesem Fall ein paar Gedanken machen.

Auch die Justiz spielt beim Film Law and Order seine Rolle und verhängt in Schnellverfahren deutliche Strafen. Gemäss FAZ erhielt ein 23-Jähriger, nicht vorbestrafter Jugendlicher für den Diebstahl von Wasserflaschen im Wert von dreieinhalb Pfund die Höchststrafe von sechs Monaten. Für meinen Geschmack ist das heftig. Aber es sei in Ordnung, denn die nicht restliche Bevölkerung  würde das anscheinend erwarten. Das sagt zum Beispiel die Innenministerin: “That’s what the people want to see, tough police, tough arrest policy, tough sentencing.” Aha – jetzt wird nach vermeintlicher Volksstimmung Recht gesprochen.

Social Media sind manchmal gut und manchmal böse

Eigentlich ist ja ganz einfach: Man nehme den Bürger, degradiere ihn zum Konsumenten und nehme ihm dann die Möglichkeit zu konsumieren weg. Was für ein Resultat dabei herauskommt ist nicht schwer zu erraten. Im Speziellen, wenn da noch hormongesteuerte männliche Jugendliche involviert sind. Einfacher ist es hingegen so zu tun, als ob die Kontrolle von Social Media irgendetwas an der Perspektivlosigkeit dieser Jugendlich ändern würde. Vielleicht wäre ein konsequentes Redeverbot noch effektiver?

In Ägypten waren Social Media die Gehilfen der Revolution. In London sind sie die Helfershelfer der Unruhestifter. Wie herrlich einfach die Welt sein kann. Dabei waren die Jugendlichen scheinbar ziemlich clever. Sie haben Blackberries benutzt. Dessen Nachrichten werden verschlüsselt übermittelt. Aber für diese Situation hätte man sich schon vorher wappnen können. Saudi Arabien hat es vorgemacht. Mit der Drohung die Produkte dieses Herstellers aus dem Land zu werfen hat sich sich das Königshaus Zugang zum Blackberry-System verschaft.

Unter den Teppich kehren

Es scheint mir, das Ganze soll so schnell abgehandelt werden, sodass die Menschen in Grossbritannien erst gar nicht in Versuchung kommen über die Motive nachzudenken. Der Bürger, die Bürgerin soll sich nicht zu sehr mit Zusammenhängen beschäftigen, die sie oder er sowieso nicht beeinflussen kann. Sonst würden sie auf einmal auf die Idee kommen, von den Politikern Lösungen zu verlangen. Und das Unangenehmste daran wäre herauszufinden, dass die Politiker genauso ahnunslos sind wie die restliche Bevölkerung.

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Das Pokerspiel mit dem richtig grossen Einsatz

Chicken-Game – das ist es, was gerade in den USA stattfindet. Zwei Autos rasen auf einen Abgrund zu. Derjenige Fahrer, der zuerst aus dem Auto springt, hat verloren. Solche Spielchen kann man machen, solange beide Seiten wissen, dass der andere auch nicht sterben will.

Man findet es in allen Zeitungen, auf CNN läuft der Countdown und selbstverständlich ist das Netz voll von Berichten: Die Regierung und die Parlamente der USA kriegen ihren Finanzhaushalt nicht gebacken. Der Präsident, die Demokraten und die Republikaner können sich nicht darauf einigen die Schuldenobergrenze zu erhöhen.

Thelma & Louise stürzen sich den Abgrund hinab

Wird das Ende dieses Streites auch so filmreif sein wie im Film Thelma & Louise?

Acht Jahre alte Seminararbeit

Irgendwie fühlte ich mich gestern an eine Seminararbeit von der Uni erinnert. Also kramte ich das Ding hervor und warf einen Blick hinein. Darin hatte ich zur Analyse des Kaschmirkonflikts die Spiel- und Eskalationstheorie angewendet. Es war aufschlussreich die Theorien auf die aktuelle Situation in den USA anzuwenden.

Ein Ausflug in die Tiefen der beiden Theorien wäre hier nutzlos, doch hilft es einige massgebende Faktoren in diesem riskanten Spielchen zu erkennen. Und das Spielchen ist komplizierter als man denkt. Zusammenfassend lassen sich vier unscharfe Bereiche identifizieren.

Verschiedene Akteure und Interessen

Es gibt mehr zwei Akteure: Mit im Spiel sind der Präsident, die demokratische Partei, die alten Republikaner und die neuen Republikaner aka. Tea Party. Während der Präsident und die Demokraten einigermassen einheitlich agieren, haben die Republikaner erhebliche Probleme damit. Die Tea Party-Leute, die erst seit kurzem im Parlament sind und dafür gewählt wurden die Regierung in Washington auseinanderzunehmen, liegen sich mit den Alteingesessenen ziemlich in den Haaren. Bis jetzt ist jeder Kompromissvorschlag an der Tea Party gescheitert.

Folgen und Konsequenzen

Bei den Tea-Party-Abgeordneten herrscht, der Geier weiss wieso, keine Einigkeit darüber, dass man auf einen Abgrund zufährt. Dieses Mal könnte man den Finanzexperten Glauben schenken, deren Kragen auch immer enger wird. Auch die Herabstufung im Rating wäre nur konsequent. Während einige diese Folgen negieren, sollen einige nicht überzeugt sein, welche negativen Konsequenzen dies haben würde und tun die Warnungen des Präsidenten und der Finanzbranche als Angstmacherei ab.

Applaus für den Crash

Während Politiker in der Regel wiedergewählt werden wollen, kann das von den Tea-Party-Ideologen nicht mit Sicherheit gesagt werden. Einerseits sehen sie sich als Teil einer Bewegung, die leider in die Politik muss, weil es nicht mehr anders geht. (Irgendwie kommt mir das bekannt vor… Ach ja: Der grosse Christoph sagt das ja immer wieder.) Sie sind also „keine“ Politiker und könnten den Verlust des frisch bezogenen Arbeitsplatzes verschmerzen. Es ist sogar denkbar, die Tea-Party-Anhänger in der Bevölkerung würden es honorieren, wenn ihre Vertreter den Finanzhaushalt und die Wirtschaft in die Wand fahren würden. Sie würden damit Stärke und Entschlossenheit beweisen. Für einen Teil der Tea Party ist der Crash sowieso unvermeidlich und hätte ihn lieber früher als später

Schon jetzt im Wahlkampf

Andererseits hat in den USA der Wahlkampf für die Präsidentenwahlen schon angefangen. Das gilt auch für die alten Republikaner, die die Tea Party zuvor umarmt haben, um die Mehrheit in den Parlamenten zu erreichen und jetzt mit dem Geist leben müssen, den sie riefen.

Ende ist offen

Im Detail ist das keine abschliessende Aufzählung aller wichtigen Komponenten. Über die Psychologie der ganzen Situation und einzelner Leute gäbe es noch Einiges zu sagen. Auf jeden Fall ist es gut, in einer Verhandlung mit grossem Einsatz als zu allem bereit zu erscheinen. Nur in diesem Fall kann man sich nicht sicher sein, dass alle nur so tun, als ob sie verrückt wären.

So kompliziert und gefährlich dieses Chicken Game ist, so spannend wird es zu beobachten, ob noch eine Einigung erreicht wird. Schon in zwei Stunden ist die nächste Pressekonferenz der Republikaner…

P.S. Der kleine Christoph hat den Nachnamen Mörgeli.

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Die CVP fährt im Wahlkampf die Entwicklungshilfe zurück

Die Christdemokratische Volkspartei (CVP) hat in einem Positionspapier dargelegt, wie Entwicklungshilfe neu aussehen sollte: Kein Geld für muslimische Staaten, in denen Christen um ihr Leben fürchten müssen. Das klingt im Wahlkampf zwar schön, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Das weiss auch die CVP.

Im nachhinein betrachtet war es wahrscheinlich so etwas wie ein Versuchsballon, als CVP-Präsident Christophe Darbellay nach dem Anschlag auf koptische Christen in Alexandria im Januar sagte, man solle Ländern, in denen Attentate auf Christen stattfinden, die Entwicklungshilfegelder streichen. Nun kommt ein weiterer und umfassenderer Vorstoss von der CVP und einer ihrer Nationalrätinnen Elisabeth Schneider-Schneiter, der die Aussage von Darbellay weiterstrickt.

Die Realität vor Ort sieht anders aus

Diese auf den ersten Blick einfache Forderung, ist genauer betrachtet problematischer als gedacht und hat mit den Realitäten vor Ort wenig zu tun. Welche muslimischen Länder haben denn Polizei und Justiz wie wir sie kennen? Vielleicht die Türkei, aber die bekommt auch kein Geld von der Schweiz. Auch wenn eine Regierung dem Schutz der Christen nachkommen möchte, ist das meistens gar nicht durchsetzbar.  Die logische Schlussfolgerung ist: Die Länder sind also „unfähig“ und nicht „unwillig“. Das ist der Grund, wieso man sie unterstützt. Jetzt straft die CVP sie dafür.

Kein Effekt

Die CVP möchte damit ein Signal in die Welt setzen: Die Regierungen von muslimischen Ländern sollen ihrer Verantwortung zum Schutz ihrer religiöser Minderheiten bewusst werden. Oha – hier geht es also um Pädagogik. Eine genauere Betrachtung der Entwicklungshilfe-Zahlen  zeigt aber die finanziellen Realitäten. Das erwähnte Ägypten bekam letztes Jahr 6,1 Millionen Franken. Mit weniger als beispielsweise Madagaskar liegt Ägypten gemessen an den Ausgaben pro Land an der 45. Stelle von 55 Ländern. Man kann also davon ausgehen, dass das Streichen der Gelder (für ungefähr 80 Millionen Einwohner) nicht sonderlich beeindruckend wirkt.

Die CVP wünscht sich also den Rückzug

Die Unterstützung von Christen in muslimischen Ländern, wie von der CVP gefordert, würde den Druck auf die Christen nur erhöhen. Der Vorwurf, ein von Aussen finanzierter, gesteuerter Fremdkörper in der muslimischen Gesellschaft zu sein würde noch stärker.  Da dies aber nicht gewollt ist, würde die konsequente Umsetzung der CVP-Forderungen faktisch einen Rückzug aus den meisten muslimisch dominierten Staaten bedeuten. Ist es das, was die CVP will?

Gerade jetzt der falsche Zeitpunkt

Seit einigen Monaten befindet sich der arabische Raum im Umbruch. Nicht nur diejenigen Länder, die schon ihre Revolution hatten, sondern auch in den anderen Staaten gärt und brodelt es. Die Zeit für Veränderungen ist gekommen. Auch wenn es noch nicht klar ist, wohin sich die  Länder entwickeln (Konservative vs. Islamisten vs. westlich orientierte Jugendliche) ist es jetzt umso wichtiger diejenigen Kräfte zu stützen, die für eine friedliche Koexistenz stehen.  Die Türe sollte weiter geöffnet, anstatt zugeschlagen werden.

Unverständliches Manöver

Interessant ist, dass das Papier weder auf der Website der CVP Schweiz, noch auf derjenigen von Schneider-Schneiter erscheint. Vielleicht meint man es auch nicht so ganz ernst mit dem Papier. Es ist ja schliesslich Wahlkampf. Gell? Und im Wahlkampf sollte man von sich reden machen. Gemäss Medien-Echo leider ohne Erfolg.

Vielleicht ist ja im Wahlkampf alles erlaubt. Das würde auch erklären, wieso jetzt gegen die Entwicklungshilfe geschossen wird. Blöd nur war die CVP als einzige bürgerliche Partei und explizit Frau Schneider-Schneiter im letzen Jahr für eine Aufstockung der Entwicklungshilfe . Heute fordert sie eigentlich das Gegenteil von dem, was sie damals im Nationalrat gesagt hat.

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Bläst den Ratingagenturen bald frischer Wind entgegen

Sogar Angela M. aus D. hat mittlerweile gemerkt, dass es ein Problem mit Rating-Agenturen gibt. Leider gewinne ich den Eindruck, sie erkenne zwar ein Problem, doch leidet sie am gleichen Aktionismus wie die Agenturen, die sich gegenseitig mit Herabstufungen überbieten wollen.

Die letzte (noch immer aktuelle) Bankenkrise hat zu Tage treten lassen, dass die Rating-Agenturen ihren Job nicht richtig erfüllen. Ihre Aufgabe ist, gesamtwirtschaftlich gesehen, Qualität und Verlässlichkeit in den Wertpapierhandel zu bringen und ihn damit sicherer zu machen.

Warnschuss vor den Bug oder entsteht wirklich eine EU-Rating-Agentur? (Bild aus Economist)

Versagt auf ganzer Linie

Nur haben sich offensichtlich die grossen Drei (Standard & Poor’s – Moody’s und Fitch) vor der letzten Krise auf die Seite der Mitspieler ziehen lassen, anstatt den Schiedrichter zu geben. Wenn Rating-Agenturen auf Luftschlösser, die in andere Luftschlösser gepackt sind und auf den Namen “Derivate” hören, den AAA-Stempel drücken, muss sich auch diese Branche Kritik gefallen lassen.  Man kann zwar nicht erwarten, dass Agenturen eine Krise verhindern, doch sollten sie nicht dazu beitragen.

Schlechtes Timing

Blöderweise ist es ein schlechter Zeitpunkt die Agenturen anzuprangern, denn bei Griechenland und einigen anderen Staaten (Ich nenne keine Namen, denn ich will ja den Markt nicht beunruhigen ;) ) stimmt die Einschätzung, dass sie faktisch zahlungsunfähig sind. Wie es dazu gekommen ist, ist eine andere Frage. Doch auch hier stehen die Agenturen in schlechtem Licht: Wieso haben sie diese Situation, die sich schon lange angekündigt hat, nicht vorher angeprangert, indem sie ihre Noten für die Wertpapiere frühzeitig gesenkt haben?

Jetzt plötzlich…

Zuletzt machte Moody’s am  Beispiel Portugal klar, dass jetzt konservative Einschätzung an der Reihe sind. Gerade bei Portugal ist die Entscheidung schlecht nachzuvollziebar: Es handelt sich vergleichsweise um “kleine” Summen und das Land sei anscheinend dafür bekannt, Sparprogramme durchziehen zu können. Spanien hingegen, das grössere Probleme hat, ist bis jetzt verschont geblieben. Und das beste daran ist, der Schuldenschnitt wird schon im Voraus als negativ kommentiert, da er vom Markt als teilweiser Zahlungsausfall verstanden werden könnte… Das grenzt an Kaffeesatzleserei.

Neuer Anbieter im Agenturen-Markt

Vielleicht ist es ja ein Problem, dass diese gewinnorientieren Unternehmen nur wenig mit Unabhänigkeit glänzen. Diese Kritik wird auch kaum bestritten. Die Replik auf diesen Vorwurf ist aber: Wer sollte es denn besser machen? Naja, ich weiss nicht, ob es eine von der EU-gesponserte Rating-Agentur besser machen würde – doch immerhin nicht schlechter. Mir wäre die Abhängikeit der neuen Agentur von einer EU-Bürokratie einfach sympathischer, als die Abhängikeit der bisherigen grossen Drei von ihren Kunden.

Und jetzt?

Unabhängig davon, ob eine europäische Agentur die Sache besser machen wird oder nicht (wenn sie denn kommt): Wer an den freien Markt glaubt, muss erfrischende Konkurrenz begrüssen. Es ist auf jeden Fall Zeit, das von der us-amerikanischen Regierung verliehene Oligopol der grossen Drei aufzubrechen. Leider kommt in diese Frage gerade dann Bewegung, wenn den Regierungschefs der EU-Länder bei der Banken-Rettung die Felle davonzuschwimmen scheinen. So bekommt das Ganze einen schlechten Nachgeschmack.

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